Magaziniac intern: Adobe 2021, Teil 2

Vor einigen Jahren ging ein großer Aufschrei durch die Kreativ-Community, als Adobe sich von Kaufsoftware verabschiedete und die Software nur noch im Abo anbot. Doch allem Geschrei zum Trotz, wer unter Mac OS arbeitet und nicht gerade an einem zehn Jahre alten Mac sitzt, kam um die Cloud nicht drum herum, denn die CS6-Versionen von 2013 laufen unter neuen Mac-OS-Versionen nur eingeschränkt (Photoshop ist nutzbar, Acrobat hat schwere Grafikfehler) oder schlicht gar nicht mehr (Mac OS 10.15), da noch 32-Bit-Bestandteile in der Software vorhanden sind und Apple die Unterstützung dafür gestrichen hat. Windows-User haben da nicht so das Problem. Am Ende dürfte sich der Großteil der Kundschaft mit dem Modell arrangiert haben und alle „Nicht-Kunden und Trotzdem-Nutzer“ haben auch weiter Wege gefunden ihrer Tätigkeit nachzugehen.

Vom einstigen DTP-Platzhirsch „QuarkXPress“ und Vektorgrafik-König „Corel Draw“ braucht sich Adobe nicht zu fürchten, aber die Affinity-Programme von Serif (Photo, Designer, Publisher) wachsen mit ihrem konkurrenzlos günstigen Preis ohne Abo, sowie ihrer Funktionsvielfalt zu einem gefährlichen Wettbewerber für Adobe heran. Bis Publisher in Schlagdistanz zu InDesign kommt, werden noch einige Jahre ins Land ziehen, aber Affinity Photo hat bei mir im Praxisalltag schon bewiesen, dass es Photoshop nicht nur schlagen kann, sondern es wischt geradezu durch fehlende Altlasten bei den Filtern und den Funktionen zum Thema „inhaltsbasiertes Füllen (Entfernt Personen, Gegenstände aus Bildern oder ergänzt fehlende Hintergrundstrukturen) mit Adobe den Boden auf. Was läge da also näher als die Kundenbindung zwischen Adobe und den Nutzern etwas zu… festigen?

Gefangen in der Cloud
Apple geizt mit dem Speicherplatz, Arbeiten von verschiedenen Orten aus ist auf dem Vormarsch – was liegt da näher als die Bilder nicht lokal, sondern in der Cloud zu speichern? Genau dies bietet Adobe in Photoshop 2021 an – und zwar offensiv. Nach der Erstinstallation heißt es dann auch zuerst mal „Möchtest du dieses Dokument wirklich auf deinem Rechner speichern und nicht viel lieber in der Cloud?“ Ja, will ich! Wie bei einem Free-2-Play-Handyspiel befindet sich im Speicherndialog bei Photoshop ein riesiger nicht zu übersehender Knopf „Als Clouddokument“ speichern. Besonders viel Freude macht diese Funktion auch wieder dann, wenn irgendein Kreativ-Heini Teile der in schon vorherigen Photoshop-Versionen eingeführten Features nutzt und so meinetwegen den Schriftzug eines Films nicht mehr als echtes „Smartobjekt“ (In einer Art Container geschütztes Original – Kann Bild, Schrift, Komposition, Ebenen, was auch immer sein) in seine Photoshop-Datei eingebettet hat, sondern dieses Asset für einen unerreichbar im Adobe-Account eines Filmstudios liegt. Welch Freude für firmenübergreifendes Arbeiten.

The first taste is free…
Um ganz sicher zu gehen, dass man auch schön weiter in der Adobe-Cloud bleibt und nicht zu Affinity weiterzieht, hat sich Adobe etwas ganz besonderes einfallen lassen. Am 1. Januar 2023 wird die Unterstützung von PostScript Type1-Schriften beendet. Was ist daran so tragisch? Nun, Schriften updatet man nicht regelmäßig – man holt sich einmal das, was man benötigt und braucht bis zu seinem Lebensende keine neuen – außer man möchte halt was anderes oder braucht zusätzliche Schnitte. Die T1-Schriften bestehen aus zwei Teilen, sind nicht immer zwischen Mac und Windows kompatibel, und haben oft kein €-Zeichen. Wer Euro immer ausschreibt oder es sonst nicht braucht, hat keinen Grund sich mal neue Schriften zu kaufen. Oder zu mieten: Denn Adobe bietet im Rahmen des Abos mit „Type Kit“ auch Zugriff auf Tausende Schriften an. Jedes InDesign-Dokument, in dem noch T1-Schriften verwendet werden, begrüßt seinen Anwender mit dem Hinweis, dass ab 2023 nichts mehr davon funktionieren wird. Auch nicht für Altbestände. „Ich schalte dir deine T1-Eurostile-Schrift ab, aber pssst, du kannst sie auch über Type-Kit aktivieren, ich hab sie da.“ Wie ein Drogendealer, bietet einem Adobe eine Kostprobe auf die schöne große Welt der Schriftschnitte – und das auch noch so günstig.

Natürlich hat die ganze Geschichte auch einen Haken: Jede gute InDesign-Datei endet in einem Verpackungsordner, in der Dokument, Bilder und Schriften gesammelt sind. So hat man alles beisammen und kann Jahre später noch mal drauf zugreifen, wenn man irgendwas benötigt oder ein alter Kunde noch mal was gerne an seiner Datei geändert hätte. Blöd nur, dass sich Type-Kit-Schriften eben nicht mit verpacken lassen. Sie können zwar ganz normal in ein PDF eingebettet werden, aber man „besitzt“ sie nicht auf dem Rechner. Nicht erlaubte Umwege mal ausgeschlossen. Soll heißen, wenn man das Adobe-Abo beendet, war’s das auch mit dem Zugriff auf die Schriften. Auch hier könnte es einem egal sein, denn ohne InDesign kein Zugriff auf InDesign-Dokumente. Blöd nur, wenn man sich aus dem Adobe-System lösen möchte und einfach die Importfunktion von Affinity Publisher nutzt. Affinity Publisher kann natürlich nur nutzen, was auf dem Rechner an Schriften installiert ist bzw. im Fonts-Ordner vorliegt. Wehe dem, der schwach geworden ist und seine Zeitschriften, Bücher, Prospekte etc. komplett auf Type-Kit umgestellt hat…

2 Antworten zu „Magaziniac intern: Adobe 2021, Teil 2“

  1. HomiSite sagt:

    Schöne neue Cloud-Welt! :-D Es wird teils auch zunehmend schwerer, sich den bequemen Vorzügen von Cloud/Online-Funktionen zu entziehen. Ich hatte mir auch mal die wirklich spottbilligen Affinity-Programme gekauft gehabt, obwohl ich mit Bildbearbeitung/Design wenig zu tun habe. Die Programme könnte man zwar sicher einfacher bedienbar machen (zumindest Photo bzw. Photoshop), aber ich habe ja höchstens einen Stümper-Workflow. Dann aber lieber mit Affinity Photo statt CS6 – glücklicherweise verdirbt man sich Photoshop-Skills wohl wenig dank sehr ähnlicher Bedienung, oder?

  2. Martin sagt:

    Ein klasse Einblick in die „schöne“ neue Welt.
    Alleine der Ansatz, ein Programm nur noch im Abo anzubieten, würde bei mir dazu führen, mich nach Alternativen umzusehen. Zum Glück bin ich allerdings auch nicht auf PS angewiesen. Normalerweise würde der Markt ja regulierend wirken auf Entscheidungen, welche den Nutzern nicht gefallen (einfach nicht mehr das Programm nutzen), aber wie bei den Suchmaschinen scheint es ja auch bei den Bildbearbeitungsprogrammen für viele nur diese eine Lösung zu geben. Die Nutzer haben durch ihre Auswahl einen Quasi-Standard geschaffen, nur dass halt die Software einem Unternehmen gehört, welches durch diese Maßnahmen nun immer restriktiver agiert und zunehmend verhindert, dass ein Umstieg möglich wird.

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